Es heißt, Kleopatra habe vor ihren Begegnungen ein Viertelmaß Safran in ihr warmes Bad gegeben. In den Häusern des alten Persien streute man die goldenen Fäden in die Betten und gab sie in heißen Tee. Reisende fürchteten die safrangewürzten Speisen der persischen Höfe — als wären sie eine Art Liebestrank. Über Jahrtausende, von der Antike bis in den Kanon des Avicenna, rankt sich um den Safran eine Aura der Sinnlichkeit.
Legenden sind schön. Aber sie sind keine Wissenschaft. Die spannendere Frage lautet: Was bleibt von dieser jahrtausendealten Erzählung, wenn man sie ins Labor trägt? Erstaunlich viel — und zugleich weniger, als die Mythen versprechen.
Dieser Artikel nimmt die goldene Blüte ernst. Er erzählt von ihrer sinnlichen Geschichte, ordnet ein, was moderne klinische Studien tatsächlich untersucht haben, und bleibt dabei ehrlich über die Grenzen dieses Wissens. Eine Einladung, ein altes Gewürz mit klarem Blick neu zu betrachten.
Die goldene Blüte und das Verlangen — eine kulturelle Spurensuche
Kaum ein Gewürz trägt eine so dichte erotische Mythologie wie der Safran. Die Phönizier handelten mit ihm entlang des Mittelmeers, griechische Hetären nutzten ihn in Bad und Duftwerk, Alexander der Große soll seinem Wein Safran beigemischt haben.
Im 11. Jahrhundert führte der persische Universalgelehrte Avicenna — Ibn Sina — in seinem Kanon der Medizin, einem der einflussreichsten medizinischen Werke der Geschichte, den Safran unter anderem als stimmungsaufhellendes und verlangenförderndes Mittel. Bemerkenswert ist, wie viele dieser jahrhundertealten Zuschreibungen sich mit dem decken, was die moderne Pharmakologie heute an Safran untersucht.
Doch hier ist die erste ehrliche Einordnung: Diese historischen Verwendungen sind Tradition, nicht Beweis. Sie erzählen, was Menschen über Jahrhunderte glaubten und beobachteten — nicht, was unter kontrollierten Bedingungen messbar ist. Genau dort beginnt der interessantere Teil der Geschichte.
Wo die Forschung am genauesten hinsah
Die belastbarste wissenschaftliche Spur zu Safran und Sinnlichkeit führt an einen unerwarteten Ort: zu einem Nebenwirkungsproblem moderner Medizin.
Antidepressiva vom Typ der SSRI — selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer — gehören zu den meistverschriebenen Medikamenten überhaupt. Sie helfen Millionen Menschen. Aber sie haben eine Schattenseite, über die selten offen gesprochen wird: Sie dämpfen häufig das sexuelle Erleben. Schätzungen in der Fachliteratur gehen davon aus, dass zwischen 30 und 60 Prozent der Behandelten davon betroffen sind — von nachlassendem Verlangen über Erregungsprobleme bis zu ausbleibendem Orgasmus.
Das Bittere daran: In Umfragen gab ein erheblicher Teil der Betroffenen an, ihre Medikamente deswegen zeitweise abgesetzt zu haben — was die zugrunde liegende Depression wieder aufflammen lassen kann. Ein Teufelskreis. Und genau hier setzten iranische Forschungsgruppen an, die fragten: Kann ausgerechnet die alte goldene Blüte hier etwas bewirken?
Zwei Studien, zwei Geschlechter
Im Jahr 2012 veröffentlichte eine Forschungsgruppe um Modabbernia in der Fachzeitschrift Psychopharmacology eine bemerkenswerte Studie. 36 Männer, die wegen einer Depression Fluoxetin nahmen und unter sexuellen Beeinträchtigungen litten, erhielten über vier Wochen entweder 30 mg Safran täglich oder ein Placebo — doppelblind, randomisiert, placebokontrolliert, also nach dem Goldstandard klinischer Forschung.
Das Ergebnis war deutlich: In der Safran-Gruppe erreichten am Ende 60 Prozent der Männer wieder eine normale Erektionsfunktion — gegenüber nur 7 Prozent in der Placebo-Gruppe. Die Verbesserung der Erektionsfähigkeit war statistisch signifikant. Andere Dimensionen wie das sexuelle Verlangen oder der Orgasmus veränderten sich allerdings nicht messbar. Die Forschenden beschrieben Safran als verträgliche und wirksame Option speziell für diese fluoxetin-bedingte Problematik.
Ein Jahr später, 2013, untersuchte dieselbe Forschungsrichtung in Human Psychopharmacology die andere Seite: 38 Frauen, ebenfalls unter Fluoxetin, ebenfalls mit sexuellen Beeinträchtigungen. Wieder 30 mg Safran täglich über vier Wochen gegen Placebo. Hier zeigten sich signifikante Verbesserungen bei Erregung, Lubrikation und der Schmerzfreiheit beim Verkehr. Auch hier blieben andere Dimensionen unverändert.
Diese beiden Studien sind das wissenschaftliche Herzstück der ganzen Geschichte: methodisch sauber, für Männer wie Frauen, und einem echten, weit verbreiteten Problem zugewandt, über das zu selten gesprochen wird.
Was Crocin mit Durchblutung zu tun hat
Warum sollte ein Gewürz überhaupt auf etwas so Komplexes wie sexuelle Funktion wirken können? Die Forschung hat eine plausible — wenn auch noch nicht abschließend bewiesene — Erklärung.
Im Zentrum steht Crocin, jenes Carotinoid, das dem Safran seine tiefrote Färbekraft gibt. In experimentellen Studien fördert Crocin die Produktion von Stickstoffmonoxid — einem Molekül, das Blutgefäße erweitert und die Durchblutung steigert. Das ist bemerkenswert, denn genau dieser Mechanismus — der Stickstoffmonoxid-Weg — ist die Grundlage, auf der auch pharmazeutische Potenzmittel wirken.
Und das Faszinierende: Dieser Durchblutungsmechanismus ist bei Männern und Frauen prinzipiell derselbe. Erregung ist in beiden Fällen wesentlich eine Frage der Durchblutung. Das erklärt, warum die Forschung Effekte bei beiden Geschlechtern beobachtete.
Wichtig zur Einordnung: Diese Mechanismen wurden überwiegend in Tier- und Laborstudien identifiziert, nicht direkt am Menschen für die sexuelle Funktion bewiesen. Sie liefern eine plausible Erklärung — keinen abgeschlossenen Beweis.
Die ehrliche Gegenstimme
Ein seriöser Artikel nennt auch, was gegen die Euphorie spricht. Und hier gibt es einen wichtigen Befund.
Die mit Abstand größte Studie zum Thema — 2010 von Safarinejad und Kolleg:innen veröffentlicht, mit 346 Männern — untersuchte Safran bei überwiegend schwerer, organisch bedingter Erektionsstörung und verglich ihn direkt mit dem pharmazeutischen Wirkstoff Sildenafil. Das Ergebnis war eindeutig: Bei dieser Form der Erektionsstörung zeigte Safran keine signifikante Wirkung, während das Medikament klar überlegen war.
Die Lehre daraus ist wichtig: Safran ist kein Ersatz für eine medizinische Behandlung bei ernsthaften, körperlich bedingten Erektionsstörungen. Wo die Ursache strukturell und schwerwiegend ist, gehört die Behandlung in ärztliche Hände. Die Forschung deutet eher darauf hin, dass Safran bei leichteren oder medikamentenbedingten Beeinträchtigungen interessant sein könnte — nicht als Wundermittel, sondern als sanfter Faktor.
Was die Gesamtschau sagt
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2019 fasste die damals verfügbaren Studien zusammen — fünf Untersuchungen mit insgesamt 173 Teilnehmenden, Männer und Frauen. Sie fand einen statistisch signifikanten, mittelgroßen positiven Effekt von Safran auf sexuelle Funktionsstörungen.
Das ist ein ermutigendes Gesamtbild — mit klaren Einschränkungen, die zur Ehrlichkeit dazugehören: Die Studien sind klein, stammen fast alle aus dem Iran, und es fehlen große, unabhängige Langzeituntersuchungen. Die Forschung steht hier eher am Anfang als am Ende. Was sie zeigt, ist eine vielversprechende Spur — keine abgeschlossene Gewissheit.
Und das berühmte Aroma?
Es gehört zur sinnlichen Erzählung des Safrans, dass schon sein Duft betören soll. Hier muss der ehrliche Artikel allerdings entzaubern: Es existiert keine einzige Studie, die den Geruch von Safran auf sexuelle Erregung untersucht hätte.
Was es gibt, ist eine interessante Untersuchung, die zeigte, dass das Einatmen von Safranduft bei Frauen das Stresshormon Cortisol senkte und die Stimmung verbesserte — gemessen im Kontext von Zyklusbeschwerden, nicht von Erotik. Der Duft mag also beruhigen und die Stimmung heben. Aber die Vorstellung vom Safran-Aroma als unmittelbarem Lustverstärker bleibt eine schöne Legende, kein wissenschaftlicher Befund.
Manchmal ist es gerade diese Ehrlichkeit, die ein Thema interessanter macht: Nicht alles am Mythos hält der Prüfung stand — und das, was standhält, ist umso bemerkenswerter.
Sicherheit und ein wichtiger Hinweis
In den verwendeten Mengen — meist 30 mg pro Tag — gilt Safran als ausgesprochen gut verträglich. Die Sicherheitsspanne ist groß: Problematisch wird Safran erst in Grammbereichen, die mit kulinarischer Verwendung oder kleinen Tagesmengen praktisch unerreichbar sind.
Wichtiger Sicherheitshinweis
In der Schwangerschaft sollten größere Safranmengen gemieden werden — sie können die Gebärmutter stimulieren. Die kleinen Mengen zum Würzen von Speisen sind davon nicht betroffen. Wer Medikamente einnimmt, insbesondere Blutverdünner oder Antidepressiva, sollte vor einer ergänzenden Einnahme ärztlich Rücksprache halten.
Das Ritual statt des Versprechens
Vielleicht liegt die eigentliche Schönheit des Safrans weniger in einer messbaren Wirkung als in dem, was er an Aufmerksamkeit verlangt. Safran lässt sich nicht hektisch konsumieren. Die Fäden wollen behutsam in warmer — nicht kochender — Milch ziehen, ihre Farbe langsam abgeben, ihren Duft entfalten.
Es ist diese Langsamkeit, dieses bewusste Innehalten, das ein Safran-Ritual zu zweit so besonders macht. Zwei Tassen warme, golden schimmernde Safranmilch am Abend, vielleicht mit etwas Honig und Kardamom — das ist weniger Pharmakologie als Poesie. Ein Moment der Zuwendung, der Entschleunigung, der gemeinsamen Sinnlichkeit. Und vielleicht ist genau das die älteste und wahrste Form, in der Safran das Verlangen berührt: nicht als Wirkstoff, sondern als Einladung, sich Zeit füreinander zu nehmen.
Wer mehr über die wissenschaftlich erforschten Seiten der goldenen Blüte lesen möchte, findet in unseren Artikeln über Safran und Stimmung, Safran und Schlaf und Safran in den Wechseljahren die vertiefte Darstellung.
Quellen (Auswahl)
Wissenschaftliche Publikationen und Referenzdokumente, auf denen dieser Artikel basiert.
- Modabbernia A, Sohrabi H, Nasehi AA et al. Effect of saffron on fluoxetine-induced sexual impairment in men: randomized double-blind placebo-controlled trial. Psychopharmacology, 2012. PubMed
- Kashani L, Raisi F, Saroukhani S et al. Saffron for treatment of fluoxetine-induced sexual dysfunction in women: randomized double-blind placebo-controlled study. Human Psychopharmacology, 2013. PubMed
- Kashani L, Esalatmanesh S, Eftekhari F et al. Crocus sativus (saffron) in the treatment of female sexual dysfunction: a three-center, double-blind, randomized, placebo-controlled clinical trial. Avicenna Journal of Phytomedicine, 2022.
- Shamsa A, Hosseinzadeh H, Molaei M et al. Evaluation of Crocus sativus L. (saffron) on male erectile dysfunction: a pilot study. Phytomedicine, 2009. PubMed
- Safarinejad MR, Shafiei N, Safarinejad S. An open-label, randomized, fixed-dose, crossover study comparing efficacy and safety of sildenafil citrate and saffron for treating erectile dysfunction. International Journal of Impotence Research, 2010. PubMed
- Ranjbar H, Ashrafizaveh A. Effects of saffron (Crocus sativus) on sexual dysfunction among men and women: a systematic review and meta-analysis. Avicenna Journal of Phytomedicine, 2019. PubMed Central
- Hosseinzadeh H, Ziaee T, Sadeghi A. The effect of saffron, Crocus sativus stigma, extract and its constituents, safranal and crocin on sexual behaviors in normal male rats. Phytomedicine, 2008. PubMed
- Hosseinzadeh H. Avicenna's (Ibn Sina) the Canon of Medicine and saffron (Crocus sativus): a review. Phytotherapy Research, 2013. PubMed